Ilja Jaschin: Kleine olympische Tragödien

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yashin - Posted on 14 April 2011

Ich bin für ein paar Tage auf Einladung örtlicher Ökologen und Oppositionspolitiker nach Sotschi gereist. Die Stadt rüstet sich für die Olympischen Spiele 2014, die den Bewohnern ein Fest sein sollten. In der Praxis jedoch wurde der Bau für hunderte Familien zur Ausbeutung, führte zu einer ökologischen Katastrophe und zu einem infrastruktrurellen Kollaps für den Kurort.

Schon ein Tag vor meiner Ankuft fingen Polizisten an Mitglieder der Organisation "Solidarnost" anzurufen und davor zu warnen, dass "Ansammlungen von Menschen unerwünscht seien". Anscheinend haben sie auch die Besitzer des Cafes vorgewarnt, in dem ein Treffen von mir mit Anwohnern des Imeretischen Gebiets stattfinden sollte: Genau da werden die wichtigsten Gebäude für die Olympiade gebaut. Trotz der Arbeitszeit und der Verabredung hing an der Tür ein Schloss, und der Besitzer hatte sein Telefon ausgeschaltet. So musste das Treffen direkt unter freiem Himmel stattfinden, eine Plane hielt den Regen ab. Es kamen einige Dutzend Menschen, die von ihren zahlreichen Vorwürfen gegenüber der Stadtverwaltung erzählten.

Zum Beispiel habe die Olympiade den Bewohnern der Straßen "Listopadnaja" und "Aprelskaja" nichts gebracht. Die Wahlversprechen der regierenden Partei, die Installation von Stromleitungen sowie der Bau einer Kanalisation, waren nur leere Luft: Die Menschen heizen immernoch mit Kerosin und benutzen Toiletten auf dem Hof. Das Zynische dabei: um das Problem zu lösen, schlug die Stadtverwaltung den Bewohnern vor, Geld zusammenzulegen und eine Elektrostation auf deren Kosten zu errichen. Und das ist nciht alles - Im Zuge des Baus für die Olympischen Spiele wurden viele Wasserabführkanäle zugeschüttet, was zur Erhöhung des Grundwasserspiegels führte. Die Straßen verwandeln sich in einen Sumpf.

Praktisch alle Imereten beklagen die groben Verletzungen der Sicherheitsvorschriften auf dem Bau seitens "Olympstroj". Entgegen den Vorschriften wir die riesige Bautechnik nicht über technologische Straßen transportiert, sondern geradewegs durch Wohngebiete - und das bei jeder Uhrzeit. Aufgeplatzte Straßen, Dreck, Gestank, Staubschichten und Lärm in der Nacht sind für die Bewohner des Imeretischen Gebiets zur Normalität geworden. Die Stadtverwaltung ignoriert die aufgebrachten Bürger, und auf Bitten nach einer Reinigung lautet die Antwort, es sei die Aufgabe der Bürger. Hier erzählt eine Bewohnerin davon bei usnerem Treffen:

Ich habe gefragt, ob die Bürger schon mal versucht haben die Straße zu blockieren? Ehrlich gesagt habe ich nicht erwartet, dass meine Worte so schnell als Aufforderung zur Handlung aufgefasst werden. Schon in der nächsten Nacht sind die Imereten auf die Straße gegangen und haben die Technik blockiert, die vor den Fenstern Lärm gemacht hat und die Bürger nicht schlafen ließ. Gut gemacht!

Man muss anmerken, dass das Problem mit dieser Technik den Maßstab einer permanenten Gefahr annimmt. Vor einigen Tagen ist ein "KAMAZ" am hellichten Tag in Privatgelände reingefahren und hat einen Zaun rausgerissen. Zum Glück ist keiner dabei tödlich verünglückt: in 30 Metern Entfernung vom Unglücksort befindet sich eine Schule, der Unterricht war gerade zu Ende. Aus der Fahrerkabine des "KAMAZ" wurde ein betrunkener Bauarbeiter von "Olympstroj" herausgeholt, der nichteinmal einen Führerschein besaß.

Diese Beschwerde klang auch öfters: Eine ungerechte Kompensation für die Bewohner, die ihre Häuser räumen müssen. Zum Beispiel, das Haus Nr. 63 auf der Straße "Nizhnjaja Imeretinskaja Uliza" befindet sich etwa hundert Meter vom Meer entfernt. Die Menschen werden in einen Bergort umgesiedelt. Eine Familie aus vier Menschen, die jetzt in einer Zweiraumwohnung leben, erhalten entgegen dem Gesetzt lediglich eine Einzimmerwohnung. Die Verwaltung will nichts von Entschädigungen in Form von Geld hören.

Eine ähnliche Geschichte in den Häusern Nr. 16 und Nr. 18 der Straße "Golubaja", die nur 60 Meter vom Meer entfernt sind. Hier leben bis jetzt drei Familien: in einem Haus ein Mann mit Frau und drei Kindern, im Nachbarhaus seine Schweter mit ihrer Mutter, seinem Mann und einem eineinhalbjährigen Kind. Bis zum 1. Juni müssen sie ihre Häuser verlassen und alle werden zusammen in eine Bergsiedliung umgesiedelt, wo ihnen eine Einzimmerwohnung mit einer Fläche von 42 m² angeboten wird. Die Bewohner wollen ihr Heim entschlossen verteidigen, wenn die Verwaltung ihnen keine angemessene Entschädigung anbietet.

Einige Handlungen erinnern gänzlich an Banditismus. Ein gutes Beispiel - die Geschichte von Galina Tschetschilo und ihren Verwandten. Noch im Jahr 2004 haben sie 5000 m² in der "Krasnaja Poljana" in der Siedlung "Esto-Sadok" gekauft. Nachdem Russland die Olympischen Spiele erhalten hat, wurde ihnen folgende Bekanntmachung geschickt: Auf diesem Grundstück ist der Bau einer Eisenbahnhaltestelle geplant, das Land wird enteignet. Erst hat die Verwaltung eine halbwegs akzeptable Entschädigung angeboten für zwei Drittel des Landes angeboten,. Später aber hat sich die Verwaltung es aber anders überlegt und wollte das gesamte Land für eine geringere Summe. Die Proteste der Besitzer endeten darin, dass einies Tages kräftige Männer ankamen, einfach einen Zaun errichteten und Wachen aufstellten.

Offiziell gab es somit keine Enteignung, die Leute haben noch immer ihre Dokumente, die den Besitz bestätigen. Aber dennoch wurde ihnen das Land genommen: jeder Versuch auf das Grundstück einzudringen wurd durch Wachen verhindert. Die Staatsanwaltschaft hat erst angefangen zu ermitteln, aber schon eine Woche später entschied der zuständige Ermittler den Fall einzustellen. In inoffiziellen Gesprächen zuckte er mit den Schultern: "Natürlich ist das schrecklich, ich verstehe euch, aber die Olympischen Spiele sind eine nationale Sache, jeder muss etwas dazu beitragen".

Ökologen nennen den Bau der Olympischen Anlagen grausam. Bergflüsse sind mit Traktoren kaputt gefahren. Schon jetzt sollen laut Einschätzung von Ökologen der Organisation "Ökologische Wache" in Adler und der "Krasnaja Poljana" über eine Million Bäume gefällt worden, darunter auch kostbare Arten wie Buchsbaum und Eiche.

Die Proteste der Bürger werden immer brutaler unterbunden. In den alten Kurheimen in der "Kransaja Poljana" sind tausende OMON-Einheiten stationiert, die operativ auf jeglichen Aufruhr reagieren. Zum Beispiel versuchten Ende März Imeretische Aktivisten von "Solidarnost" ein Meeting für die Wahrung der Rechte der Bürger zu organisieren, die durch den Bau Olympischer Objekte zu Schaden gekommen sind. Daraufhin wurde der Organisator zum Bürgermeister von Sotschi bestellt und gezwungen die Absage des Meetings zu unterschreiben. Ein anderer Aktivist von "Solidarnost" wurde nicht aus dem Haus gelassen und der Platz wurde einfach komplett von OMON-Einheiten abgeriegelt.

Es gibt noch ausgefeiltere Methoden beim Kampf gegen die Nichteinverstandenen. Die Vorsitzende der Imeretischen Protestgruppe und gleichzeitig Vorsitzende der "Solidarnost" in Sotschi ist Natalja Kalinowskaja. Ihr Mann ist ein Offizier, der nur zwei weitere Jahre bis zur Pension dienen muss. Jetzt wurde er in ein Randgebiet der Region Krasnodar versetzt, in die kleine Stadt "Timoschewsk". Er hat Kalinowskaja zwei Varianten: entweder sie lässt ihr gesamtes Hab und Gut da und verlässt die Stadt, oder ihr Mann und sie trennen sich für zwei Jahre.

Es geht bis zur äußersten Willkür. Einen weiteren Kritiker der Stadtregierung von Sotschi und Menschenrechtler, Waletij Sutschkow, rief im Januar ein Unbekannter an und sagte ihm, dass er ihm "wichtige Dokumente von Nemzow" übergeben wolle. Als Sutschkow aus dem Haus ging, wurde er von einem Auto erfasst - der Menschenrechtler blieb wie durch ein Wunder am Leben. Da muss man nicht einmal mehr hinzufügen, dass ihm Nemzow keinerlei Dokumente übergeben wollte. Zu diesem Zeitpunkt, nach der Demonstration vom 31. Dezember, war Nemzow ohnehin hinter Gittern.

Zusammenfassen kann man sagen, dass die Vorbereitungen zu den Olympischen Spielen auf Hochtouren laufen. Und je näher das Jahr 2014 kommt, desto irrsinniger und bösartiger wir die örtliche Regierung. Ich habe den Leuten versprochen ihre Probleme an die Öffentlichkeit zu bringen. Ich forderte sie dazu auf zusammenzuhalten, ihre Rechte mit allen Mitteln zu verteidigen und gegen die Willkür bis zuletzt anzukämpfen. Wir werden mit unseren Mitteln und Möglichkeiten dabei helfen.

 

Dies ist eine Übersetzung des russischen Blogeintrags von Ilja Jaschin vom 2011-04-11 .
Das Original finden Sie hier: http://yashin.livejournal.com/1021517.html

Übersetzt mit freundlicher Genehmigung von
Ilja Jaschin.