Ilja Jaschin: Die Lügen und der Zynismus des Premierministers

Der Zynismus von Wladimir Putin erstaunt durch seine Ausmaße. Schwarzes als Weiß auszugeben und Angelegenheiten scharf zu kritisieren, an denen er selbst unmittelbar beteiligt ist, ist das wahre Talent des Premiers.
Während der live übertragenen „Bürgersprechstunde“ behauptete Putin, dass Nemzow, Ryschkow und Milow „zusammen mit Beresowski“ in den 90er Jahren „gewütet“ und „Milliarden von Dollar“ entwendet hätten.
Bei einem Nichtrussen, der über die russische Geschichte der letzten zwei Jahrzehnte nicht so gut Bescheid weiß, kann kein anderer Eindruck entstehen als dieser: Putin war in den 90er Jahren Oppositionsführer und kam infolge einer Revolution an der Macht.
In Wirklichkeit war alles andersrum.
Nehmen wir, zum Beispiel, Ryschkow – Putin war in den 90ern mit ihm in einer Partei. Ryschkow war der Fraktionsvorsitzende der Partei „Unser Haus Russland“ in der Duma, Putin leitete die Petersburger Abteilung.
Lassen wir erst einmal aus, wie Ryschkow es geschafft haben soll „Milliarden zu klauen“, als er im Parlament gearbeitet hat (wo zu der Zeit die Opposition die Mehrheit hatte). Die Sache ist die, dass Putin unmittelbar mit den Leuten zu tun hatte, die seiner Meinung nach in den 90ern „gewütet“ haben: Er trat in die regierende Partei ein zusammen mit dem Menschen, den er jetzt persönlich der Korruption bezichtigt hat.
Der vom Premierminister genannte Boris Beresowski war sozusagen der Gründervater der Partei „Einigkeit“, die 1999 zur Unterstützung der Präsidialkampagne von Putin entstand, und die einige Jahre mit der Luschkow-Fraktion „Vaterland“ zu „Einiges Russland“ zusammenfloss.

Ich weiß noch ganz genau, wie Anfang der 2000er Beresowski in einer Talk-Show des Senders NTW mit irgendeinem der damaligen Anführer von „Einigkeit“ diskutiert hatte, nachdem er schon nach London geflohen war:
- Wissen Sie eigentlich, warum Ihre Partei offiziell „Medwed“ heisst?“
- Naja, wissen Sie…
- Ich erzähle es Ihnen!, frohlockte Beresowski, „Medwed“ setzt sich zusammen aus МЕжрегиональное ДВижение ЕДинство! (Übersetzt: Überregionale Bewegung Einigkeit)! Nach den ersten Buchstaben! Ich weiß es, ich habe es mir selbst ausgedacht!
Es war auch Beresowski, der die Kandidatur Putins als Nachfolger auf dem Präsidentenposten Boris Jelzin vorgeschlagen hat. Und Nemzow wiederum hat öffentlich Konflikte mit Beresowski und Gusinski ausgetragen, als er in der Regierung gearbeitet hat, und hat es ihnen schwer gemacht, Staatseigentum zu privatisieren. Das ist eine bekannte Tatsache, die sich leicht nachprüfen, wenn man im Zeitungsarchiv nach diesen Jahren nachschaut.
Besonders blöd sah Putin natürlich aus, als er bei denen, die „Milliarden geklaut“ haben, auch Wladimir Milov genannt hat, der in der Regierung zu Beginn der „Nuller“ Jahre gearbeitet hat. Zudem hat diese Regierung Putin selbst zusammengestellt, er war zu der Zeit nämlich Präsident.
Die Redenschreiber haben Putin wenigstens vorgesagt, an dieser Stelle Michail Kasyanow nicht zu nennen, den Putin persönlich zum Minister ernannt hat. Sonst wäre es sehr konfus.
* * *
Wenn Putin die finden will, die die Milliarden geklaut haben, sollte er mal in seiner Umgebung schauen. Die Mehrzahl der Oligarchen, mit denen er zu tun hat und deren Geschäft er während der Wirtschaftskrise mit enormen Geldhilfen gerettet hat „kommen“ aus den 90ern. All sie haben ihre erste Million in den 90ern mit recht verdächtigen Mitteln erbwerben. Dies hindert allerdings Putin nicht daran, sie im Kreml oder im Weißen Haus zu empfangen. „Unsere Steuermänner des Business“, erklärt Putin dem Volk.
Von denen, die „gewütet“ haben, hat Putin auch einige in seine Mannschaft geholt. Zum Beispiel wäre da der Wichtigste in Sachen Jugendarbeit, Wassili Jakemenko. Ein einfacher Kerl aus Liberetz, Mitte der 90er Mitbegründer der Firma „Akbars“ mit fünf ebenso einfachen Kerlen, die nun Strafen wegen Mordes, Raub und Menschenraub absitzen. Und Jakemenko, na bitte, arbeitet in der Regierung von Putin.
Das Wichtigste, was Putin machen sollte, bevor er irgendwen beschuldigt, ist, in den Spiegel zu schauen.
Und wenigstens aufzuhören, sich selbst zu belügen.
Dies ist eine Übersetzung des russischen Blogeintrags von Ilja Jaschin vom 2010-12-17 .
Das Original finden Sie hier: http://yashin.livejournal.com/988771.html
Übersetzt mit freundlicher Genehmigung von Ilja Jaschin.
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